Orchid Island
Orchid Island (蘭嶼, Lányǔ) ist eine kleine Insel vor der Südostküste Taiwans mit rund 5'000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Mehrheit gehört zum indigenen Volk der Tao (von den Japanern Yami genannt), das für seine kunstvollen Holzflösse (Tatala) und seine traditionsreiche Fischereikultur bekannt ist.
Für meinen Besuch hatte ich eine Übernachtung auf Orchid Island geplant und nahm deshalb die Fähre um 12:30 Uhr. Auch diesmal verlief die Überfahrt ruhig, dauerte jedoch deutlich länger – über zwei Stunden. Während der Fahrt konnte ich beobachten, wie Fische seitlich von der Fähre aus dem Wasser sprangen – fliegende Fische, die von den Tao traditionell gefangen werden.
Am Hafen herrschte eine deutlich ruhigere Atmosphäre als auf Green Island. Die Insel wird hauptsächlich von den Tao bewohnt, die eher zurückhaltend gegenüber dem Tourismus auftreten. Mein Hostel lag in der Nähe des Hafens. Dort fragte ich nach einem Fahrrad. Die Betreiberin meinte, in diesem Dorf seien alle bereits ausgeliehen, sie könne mich aber mit dem Auto ins nächste Dorf fahren, wo noch Fahrräder verfügbar seien.
Sie selbst arbeitet nur saisonal auf der Insel und wird von einem Einheimischen angestellt. Im Winter kehrt sie auf die Hauptinsel zurück. Sie erzählte, dass viele Menschen auf Orchid Island der Regierung gegenüber kritisch eingestellt seien – insbesondere wegen des Lagers für schwach radioaktive Abfälle. Die Regierung hatte es eingerichtet und im Gegenzug kostenlosen Strom versprochen – ein Deal, der heute von vielen nicht mehr als fair angesehen wird.
Vor zwei Jahren verursachte ein Taifun grosse Schäden. Viele traditionelle Boote der Tao wurden zerstört, weshalb nun mehr geteilt werden muss als früher.
Das gemietete Fahrrad war etwas klein, aber in ordentlichem Zustand. Es gab keinen Helm, dafür immerhin ein Schloss.
Mein erster Eindruck war, dass Orchid Island weniger malerisch wirkt als Green Island. Viele Strandzugänge führen über Privatgrundstücke, manche Strände sind sogar betoniert – wohl zur Erleichterung des Fischfangs. Überrascht war ich von den hohen Preisen: In Restaurants und Bars waren Speisen und Getränke oft doppelt bis viermal so teuer wie anderswo.
Auffällig war auch die grosse Zahl streunender Hunde. Ob sie tatsächlich wild sind oder einfach frei herumlaufen, ist schwer zu sagen – einige lagen direkt vor Hauseingängen oder Restauranttüren. Immerhin verhielt sich kein Hund aggressiv.
Und wie schon auf Green Island: Ziegen.
Als ich jemandem am Fahrrad hantieren sah, stellte sich heraus, dass es die Tochter des Verleihs war – sie brachte mir das Licht fürs Velo.
Ich fuhr gemütlich nordwärts entlang der Westküste zurück zum Hafen – vorbei am Kraftwerk…
…und am Flughafen.
Etwas, das mir schon mehrmals auf der Insel aufgefallen war: Im Strassenbelag sind Tierspuren zu sehen – offenbar entstanden, als der Asphalt noch nicht ausgehärtet war.
An mehreren Orten sah man Flying Fische, die zum Trocknen aufgehängt waren.
Auch die Farben Schwarz, Rot und Weiss sind allgegenwärtig – die traditionellen Farben der Tao. Schwarz symbolisiert das Meer und die Nachwelt. Weiss steht für die Reinheit, Licht und Himmel. Rot ist heilig und lebensspendend.
Hier einige Impressionen meines ersten Tages:
Am zweiten Tag wollte ich die Insel umrunden. Die Rückfahrt mit der Fähre war auf 15:30 Uhr angesetzt. Google Maps gab die Strecke mit etwa 47 Kilometern und einer reinen Fahrzeit von 3:30 Stunden an. Um noch Zeit für Stopps zu haben, startete ich gegen 08:00 Uhr bei bestem Wetter in Richtung Norden.
Nahe beim Hostel entdeckte ich eine Statue eines Fischers. Auf einem Wandgemälde war zu lesen, dass das Flying Fish Festival den Auftakt der Fischsaison markiert. Der Ursprung der Tradition soll auf einen Traum zurückgehen: Ein alter Mann habe in der Vision vom schwarzgefederten Flying-Fisch-König alles über das Fest gelernt – inklusive Rituale, Zubereitung und Regeln.
Kurz darauf begegnete ich wieder einigen Ziegen, die am Meer dösten. Die Landschaft mit schroffen Felsen und Meerblick bot wunderschöne Fotomotive.
Vereinzelt sah ich verrostete Bagger – ob sie ausrangiert oder einfach vergessen wurden, war nicht klar.
An der Nordküste, bei Do Vahey no Voley, sah ich eine Höhle mit einem Eingang, der wie ein Gesicht wirkte.
Gleich danach besuchte ich die sogenannte Wukong Cave – eine Meeresgrotte mit fünf Eingängen. Für die Tao gilt sie als Tabu. Frauen, Mädchen und Kinder sollen sie nicht betreten. Die erste Höhle, vaRai no volai, gilt als Zuhause der Schlange. Weitere dienten als Ruheplätze, für Sumo-Wettkämpfe zur Konfliktlösung oder zum Hirsestampfen.
Bei Tarakoa Mao erreichte ich den berühmten Felsen „Jade Girl“. Früher erinnerte seine Form an eine stehende Frau – daher der Name. Auch als „Schilfbündel“ war er bekannt, da man hier Feuerholz trocken lagern konnte.
Der Strassenzustand war meist gut, besonders auf einem neu betonierten Randstreifen, der wohl für Leitungsverlegung erstellt wurde.
In Vahwa lagen mehrere traditionelle Holzboote am Strand, zwei davon aktiv in Gebrauch.
Später traf ich auf eine chinesische Reisegruppe mit rund 40 Personen auf Mopeds – alle mit gelben Helmen. Wir überholten uns mehrmals gegenseitig, je nachdem ob sie gerade fuhren oder anhielten, um Fotos zu machen.
Ein paar weitere Eindrücke von der Nordküste:
An der Ostküste angekommen, sah ich einen kleinen Steintunnel.
Immer wieder findet man überdachte Unterstände – ideal für eine kurze Pause.
Plötzlich stiess ich auf einen kuriosen Ort mit einem Felsvorsprung zum Sitzen und einer bunt dekorierten Hangfläche.
Eindrücke von der Westküste:
Beim Übergang zur Südküste kam ich am Atommülllager vorbei.
Wenig später sah ich ein aufgelaufenes Schiff, das wohl schon länger dort liegt – begleitet von zwei weiteren Schiffen und etwas, das wie Netze aussah.
Dann wurde die Strecke etwas steiler – der einzige wirklich anstrengende Abschnitt. Mit dem zu kleinen 7-Gänger und tiefem Sattel war etwas Durchhaltewillen gefragt.
Doch der Ausblick von oben lohnte sich.
Wenig später war ich zurück an der Ostküste, wo mich eine Statue zur Flying Fish Zeremonie begrüsste.
Kurz vor Schluss passierte ich noch eine Mülldeponie.
Nach der Rückgabe des Fahrrads nahm ich den Bus zum Hafen und die Fähre nach Kenting. Übernachten wollte ich dort nicht, stattdessen hatte ich ein Hotel in Hengchun gebucht.
Der Check-in war etwas seltsam: In der Lobby tummelten sich viele kleine Hunde und Katzen – einer der Hunde verrichtete gleich sein Geschäft auf dem Boden. Der Besitzer wusste nicht welche Zimmerkategorie ich gebucht hatte. Bevor er das Zimmer öffnete, klopfte er – als könnte noch jemand darin sein.
Hier einige Videos von Orchid Island: