Green Island
Green Island ist eine kleine Insel an der Ostküste Taiwans.
Ich hatte eine “frühe” Fähre um 09:30 Uhr gebucht und musste eine Stunde vorher am Hafen sein, um das Ticket abzuholen. Die Fahrt dorthin dauerte rund 45 Minuten – entsprechend hiess es früh aufstehen.
Der Bus fuhr via Bahnhof, wo ein junger Mann mit Rucksack zustieg. Kurz vor dem Ziel rief der Fahrer ihm zu, dass er nun aussteigen solle. Ich fragte ihn, ob er auch nach Green Island wolle – was er bestätigte. Also stieg ich ebenfalls sicherheitshalber aus. Laut Google Maps wäre die nächste Haltestelle näher am Hafen gewesen, aber wer weiss – vielleicht hält der Bus dort nicht, oder es gibt einen anderen Grund für den Rat des Fahrers.
Der Mann hiess Lukas und kam aus Berlin. Lustigerweise machte er dieselbe Reise wie ich – einfach in umgekehrter Richtung. Er startete in Taiwan, reiste die Westküste hinunter und fliegt danach weiter nach Japan. Er war bereits in einigen Städten, die ich noch vor mir habe, und umgekehrt. So konnten wir viele Tipps austauschen.
Die Tickets erhielten wir problemlos am Schalter. Die Fähre war eher klein – man konnte nicht raus, sondern musste drinnen bleiben. Die Überfahrt war weit weniger schlimm als erwartet, trotz der überall bereitliegenden Kotzbeutel.
Wir spürten nur ein leichtes Schaukeln. Aber vielleicht sieht das zu anderen Tages- oder Jahreszeiten ganz anders aus. Die Überfahrt dauerte etwas weniger als eine Stunde.
Beim Aussteigen wurden dutzende Kisten mit frischen Eiern und anderen Lebensmitteln ausgeladen.
Vor dem Hafen standen unzählige Scooter-Vermieter bereit.
Lukas ging zu seinem Hostel, wo er ein Velo mieten konnte. Ich fragte mich durch die Vermieter, bis mir jemand sagte, ich solle mich auf einen Stuhl setzen. Kurz darauf kam jemand mit einem Scooter, lud mich auf und fuhr mich zu einem nahegelegenen Veloverleih.
Das Velo war zur Abwechslung ganz in Ordnung – passende Grösse, sieben Gänge, funktionierende Bremsen und sogar einen Helm gab es. Nur ein Schloss fehlte. Der Vermieter meinte nur: «Das ist nicht Paris, das ist Safe Island – hier klaut niemand ein Velo, alle wollen Scooter.»
Die Insel war wunderschön. Ein wenig irritiert war ich, als ich ein Reh sah, das in einer kleinen Box bei einem Laden angebunden war – immerhin im Schatten.
Einige Lokale waren im Stil eines Gefängnisses eingerichtet.
Ich startete meine Rundfahrt in Richtung Norden. Gleich in der Nähe des Hafens befindet sich der kleine Flughafen.
Mein nächstes Ziel war der Leuchtturm im Nordwesten – direkt neben einem kleinen See. Dieser wurde 1939 erbaut und ist 33.3m hoch. Das Wetter war traumhaft.
Danach besuchte ich das Besucherzentrum. Am Hafen hatte ich eine Stempelkarte erhalten, und dort gab es einige Stempel zu holen. Gerade als ich überlegte, welcher wohl passt, winkte mich der Mitarbeiter heran, stempelte die Karte ab und liess mich eine Postkarte auswählen. Später stellte sich heraus: Jeder Stempel bringt eine kleine Belohnung – hier gab es ein kleines Geschenk.
Die Insel entstand durch vulkanische Aktivität – vor etwa 30’000 Jahren begann sie, sich zu erheben. Heute wächst sie noch immer, jährlich um etwa 3.4 mm. Das klingt wenig, summiert sich aber auf über 100 Meter.
Die häufigste Pflanze ist der Schraubenbaum (Pandanus). Dessen Früchte hatte ich schon früher gesehen, aber nie gewusst, was das war – sie erinnern etwas an Ananas. Die Insel ist auch für ihre einheimischen Sika-Hirsche bekannt, was das Tier vor dem Laden erklärt.
Es gibt auch eine bedrohte Art – die Kokosnusskrabbe. Leider wird sie oft von Touristen überfahren.
Die Insel trug über die Zeit verschiedene Namen: Sansai, «Chicken Heart Islet», «Bonfire Islet» und seit 1949 «Green Island».
Eines der Highlights ist die Zhaori Hot Spring – eine von nur drei heissen Meerwasserquellen weltweit.
Dann ging es weiter zur Chaikou Snorkeling Area. Auf der Fähre hatte ich Lukas auf Signal hinzugefügt. Er schrieb mir, dass sein Hostel an einem anderen Standort war und kein Fahrrad anbot – unterdessen habe er aber alles geregelt und sei bereits bei der Schnorchelstelle. Dort trafen wir uns wieder. Auf einem Steg konnte man hinaus ans Meer gehen.
Wir fuhren gemeinsam weiter. Als nächstes kamen wir am White Terror Memorial Park vorbei.
Dort sind die Namen aller Inhaftierten samt Einweisungs- und Entlassungsdatum aufgelistet.
Bald erreichten wir die Holzbaracken des New Life Correction Centre. Lange Gebäude mit Platz für viele Gefangene.
Es wurde zwischen 1951 und 1965 betrieben. Hier wurden Menschen umerzogen, die als staatskritisch galten – zum Beispiel weil sie sich für freie Meinungsäusserung oder unabhängige Medien einsetzten.
Die Swallow Cave (Schwalbenhöhle) ist eine imposante Meeresgrotte an der Ostküste, geformt durch jahrtausendelange Erosionen. Ihren Namen verdankt sie den zahlreichen Schwalben, die dort nisten. Sie sah von aussen klein aus, war innen aber viel grösser als erwartet. Während der Zeit des Weissen Terrors in Taiwan mussten Gefangene dort Theaterstücke aufführen. In der japanischen Besatzungszeit soll die Höhle als Hinrichtungsstätte genutzt worden sein.
Danach wurde die Strasse deutlich steiler. Anfangs dachte ich, sie würde einfach rund um die Insel führen – aber sie stieg an, vermutlich auf etwa 100–150 Meter. Der höchste Punkt der Insel liegt bei etwas über 250 Metern.
Oben angekommen entdeckten wir ein Restaurant und bestellten Omelette – oder etwas Ähnliches 😄
Am Wegrand begegneten uns immer wieder Ziegen.
Einer der Hauptanziehungspunkte der Insel ist die «kleine chinesische Mauer». Ein Weg von 300m führt zu einem Aussichtspunkt mit spektakulärem Blick aufs Meer. Es handelt sich um den nördlichen Kraterrand des Vulkans, der die Insel formte. Auf dem Rückweg kreuzten mehrere grosse Eidechsen unseren Weg.
Für die heissen Quellen reichte unsere Zeit leider nicht mehr. Lukas bleibt über Nacht und wird sie wohl noch besuchen. Ich hingegen musste mein Velo zurückbringen und zur Fähre.
Hier noch ein paar weitere Eindrücke:
Und einige Videos: